Ade
Klartext.
Wäre ich anders aufgewachsen – ohne Trauma, ohne projizierte Ängste, ohne zu frühe Verantwortung –, dann wäre ich heute nicht an diesem Punkt in meinem Leben.
Denn ich habe keinen gesunden Umgang mit meiner Migräne erlernt. Stattdessen war es ein: „Sei stark.“ oder ein: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“
In einer Welt wie dieser ist es verdammt schwer, sich nicht stetig im inneren Vergleich mit anderen Leben zu befinden, denn sie werden uns ja täglich in den Feed gespült.
Wir hatten noch nie so viele unterschiedliche Krisen, Themen und Generationskonflikte wie in der heutigen Zeit.
Und all das prasselt täglich auf uns ein, und da soll jemand die Ruhe in Person sein.
Uns wird eine riesige Illusion anerzogen, was unser Wert sein soll, und im Kapitalismus ist nur harte Arbeit gut.
Wir flüchten uns in Konsum jeglicher Art, um kurz mal nicht diesen Druck spüren und beweisen zu müssen, dass wir genug sind.
Beziehungen und echte Bindungen sind kaum noch möglich. Es gab noch nie so viele Singles, und die meisten erzählen genau die gleichen Geschichten, warum es mal wieder nicht geklappt hat. Und wenn doch, dann wird sich an etwas geklammert, das absolut nicht gesund ist – nur um nicht mehr allein zu sein. Wir erleben eine kollektive Einsamkeit.
Wir versuchen alle, irgendetwas Krasses zu erreichen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Damit unser Wert gesehen wird. Wir leben im Land der Möglichkeiten, aber diese sind auch nur für diejenigen greifbar, die sich einen gewissen Standard leisten können oder die Unterstützung haben.
Alles andere sind hart erarbeitete Ziele von Menschen, die von ganz unten kamen und genauso nach dem Glück suchen, um dann trotzdem alleine auf einer Insel zu sitzen – in der Illusion, dass Alleinsein das neue High ist.
Obwohl die Neurowissenschaft dem widerspricht. Denn wir brauchen Nähe, Geborgenheit und Intimität für Wachstum und den Erhalt unserer Intelligenz.
Sämtliche Philosophen, Autoren, spirituellen Führer oder Religionen erzählen uns, dass ein positives Mindset der Schlüssel ist. Dass wir im Alleinsein Frieden finden und wir uns bloß nur auf uns konzentrieren sollen.
Dem widerspreche ich ganz deutlich, denn ich bin der Meinung, dass es Aufarbeitung und Verständnis für die eigene Biografie braucht, um Frieden zu finden. Dass Dankbarkeit das positive Mindset ist. Und dass Liebe und Vergebung der eigentliche Schlüssel für Frieden sind.
Auch sollte man darüber sprechen, dass wir in einer Welt leben, in der Andersartigkeit immer noch verurteilt wird und wir noch genug Randgruppen haben, die sich mühsam ihren Platz erkämpfen müssen, obwohl sie vielleicht gar keine Kämpfer sein wollen.
Der Wert eines Menschen ist nichts. Wir sind nichts. Absolut nichts. Wir bilden uns ein, etwas zu sein – aufgrund des Systems, in dem wir aufwachsen. Und es ist verrückt zu glauben, dass wir das ändern werden.
Meine Migräne ist eine Erkrankung, die nicht sichtbar ist und meinen Alltag bestimmt. Somit sind mir manche Möglichkeiten nicht zugänglich und wenn doch, dann mit Konsequenzen und viel Energieaufwand.
Meine Depression kam durch die plötzlichen Einschläge unvorhergesehener Veränderungen, auf die ich nicht so schnell reagieren konnte, was auch obszön ist zu glauben, da ich ein Mensch bin und keine Maschine.
Das System, in dem ich lebe, macht es nicht leichter, denn alles geschieht aus eigener Kraft: die passenden Therapien und Wege zu finden. Und wer das Gesundheitssystem durchschaut hat, weiß: Es macht uns nicht gesund. Die Pharmaindustrie verdient sich nur eine goldene Nase mit uns.
Zurück zur Depression. Ich bin erstaunt, wie tabuisiert diese Krankheit immer noch ist und wie wenig Menschen sich mit erkrankten Menschen umgeben wollen, wenn deren Laune nicht zu ihren Vorstellungen passt. Eine Depression kommt in Wellen. Es gibt Tage, da lache ich. Es gibt Tage, da schaffe ich es nicht mal, ein Glas Wasser zu holen. Weil sämtliche Energie dafür aufgebracht werden muss, die massiven Gefühle zu kontrollieren.
In einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft aufzuwachsen, in der es stets um Leistung geht, macht das nicht leichter. Denn meine Migräne hat mich dazu gebracht, meinen beruflichen Werdegang zu hinterfragen und mir klar aufgezeigt, dass ich für die Wirtschaft einfach nur Sondermüll bin, was der Depression weiteres Futter gibt.
Jeden Tag werden mir Leben gezeigt, die meinen Mangel nähren. Und auch wenn ich mich in Dankbarkeit übe, ist es schwer, sich davon zu distanzieren, denn ich hatte mit 16 Jahren Träume und Vorstellungen, die bei Weitem nicht in Erfüllung gingen, weil es für mich aufgrund meiner Migräne oder anderer Umstände nicht dran war. Und nein, es lag nicht am zu wenig Manifestieren. Es lag schlicht und ergreifend an unvorhergesehenen Entscheidungen anderer Menschen.
Durch meine aktuell ausgeprägte Migräne bin ich gezwungen, Babyschritte zu machen und ganz genau auf meinen Körper zu hören, damit ich keinen erneuten Anfall bekomme. Das kostet Kraft – Kraft, die mir die Depression wiederum nimmt.
Meine Depression ist nichts anderes als der innere Konflikt, in einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft dem Druck standzuhalten und gleichzeitig seine Lebensumstände zu akzeptieren. Zumindest der Versuch darin. Mehr nicht. Es ist der Frust, die Ungeduld, die Wut und die Trauer um die Dinge, die ich nicht haben werde oder nur in einem anderen Kontext.
Und Akzeptanz ist der schwierigste Part im ganzen Leben. Die Illusionen loszulassen und die Realität anzunehmen.
Es ist ein Prozess, für den es Zeit braucht, vor allem in meinen aktuellen Umständen. Doch diese Zeit wird mir und auch vielen anderen erkrankten Menschen nicht gegeben. Dagegen oder dafür anzukämpfen kostet ebenfalls wieder Kraft.
Suizidale Gedanken kommen meistens von der Erschöpfung dieses stetigen Kraftaktes, für sich und seine Grenzen einzustehen und gleichzeitig in einem fordernden System nicht unterzugehen. Sie sollten nicht als Tabu gesehen werden, sondern als Warnung, dass ein Mensch an seinen Grenzen ist. Weit über seinen Grenzen.
Wenn dann aber die Gesellschaft und auch die Menschen im näheren Umkreis nicht wissen, damit umzugehen oder sich distanzieren, weil es ihnen zu viel ist, dann ist das ein weiteres Versäumnis unserer Gesellschaft. Denn der Psychologe oder Psychiater sagt nichts anderes als: Akzeptanz der eigenen Realität oder ein weiteres Medikament, das einen scheinbar funktionieren lässt, um der Wirtschaft zu dienen.
Ich wiederhole mich ein letztes Mal, denn ich werde diesen Blog hiermit erst einmal auf Eis legen und pausieren. Ich habe keine Kraft mehr.
Akzeptanz ist der Schlüssel für ein zufriedenes Leben. Dankbarkeit und Liebe sind die Verbindung zueinander. Verletzung ist die Konsequenz unerfüllter Bedürfnisse. Vergebung ist Heilung.
Doch all das braucht Zeit. All das ist ein lebenslanger Prozess. Und unsere Welt ist dafür nicht ausgerichtet. Es braucht eine Neuausrichtung und Anpassung für uns Menschen. Doch es ist verrückt zu glauben, dass dies geschehen wird.