Vollmond

“Das Selbst muss gebrochen werden, um Selbst zu werden.” - Kierkegaard.

Schon verrückt, wie der Mond sich auf die Gemüter der Menschen auswirkt – ob sie nun daran glauben oder nicht.

Schlaflosigkeit ist nicht selten, und der ein oder andere vermag zu sagen, dass die Ernte, die Haarfarbe oder eine Operation zu einer bestimmten Mondphase besser verlaufen sei.

Letztendlich lädt uns der Mond dazu ein, unseren eigenen Zyklus zu finden. Was bei Frauen schon seit Jahrtausenden beobachtet und gelebt wird, gibt vielleicht allen Menschen die Möglichkeit, sich selbst ein Bild vom Mond und seinen Zyklen zu machen.

Vor nicht allzu langer Zeit glaubte ich an Astrologie und ihre Auswirkungen, an Bestimmung und an das Universum. Heute vermag sie für mich eher eine Spielerei im Alltag zu sein – oder eine Form der Verhaltenstherapie in Selbstfürsorge. Die kleinen Rituale, die Beständigkeit geben.

Der Vollmond lässt mich nicht sonderlich gut schlafen. Meistens sind meine Emotionen dann stärker als sonst. Ich verfalle in eine Art Melancholie, und die Migräne ist meistens auch dabei.

Manchmal fehlt mir die Überzeugung und das Ausleben meines spirituellen Daseins. Doch dieses Jahr hat mich vieles hinterfragen lassen. Mittlerweile glaube ich nicht mehr an Bestimmung oder einen vorgezeichneten Fahrtweg. Ich glaube, dass wir einen freien Willen haben und immer wieder entscheiden können, was wir aus den Situationen machen, in die wir geraten.

Vielleicht war Astrologie für mich eine Suche nach Sinn. Nach Antworten auf meine Ängste. Nach der Bestätigung, dass all das Schlechte passieren musste. Nach Sicherheit.

Heute denke ich: Wir können jeden Tag entscheiden, ob wir ein Arschloch sind oder nicht. Grüße geht raus an die großen weißen Männer in fragwürdigen Positionen. Wir können jeden Tag unsere Geschichte neu schreiben. Wir können neu beginnen.

Oft denken wir, wir seien das Resultat unserer Schicksalsschläge, unserer Bildung und all der zufälligen Erfahrungen, die uns widerfahren sind. Irgendwann beginnen wir, uns selbst als das zu sehen, was wir erlebt haben. Wir rechtfertigen uns damit. Doch das ist nur die Oberfläche unseres Seins.

Erst wenn wir gebrochen sind. Wenn wir dem Abgrund entgegenblicken. Wenn all die vermeintlichen Antworten plötzlich keinen Sinn mehr ergeben. Erst dann beginnen wir vielleicht, uns auf den Weg zu unserem Inneren zu machen.

Das bedeutet nicht, dass unsere Vergangenheit und die Erlebnisse, die wir gemacht haben, keine Bedeutung mehr besitzen. Sie sind real. Sie haben stattgefunden. Sie prägen uns. Doch sie sind nicht alles. Sie sind nur ein Teil von uns.

Meine Migräne zwingt mich, vieles zu hinterfragen. Denn sie hat mich mit ihrem Verlauf gebrochen. Sie nahm mir meine Träume und die Möglichkeit, sie umzusetzen. Sie nahm mir schlichtweg die Hoffnung.

Und ohne Hoffnung sind wir Menschen plötzlich eine leere Hülle, die sich nach Sicherheit sehnt.

Doch vielleicht liegt genau darin etwas, das wir viel zu selten sehen: In der radikalen Unsicherheit steckt die Resilienz des Menschseins.

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