Attacke

Migräne kommt anfallartig – das bedeutet, dass jederzeit ein Anfall auftreten kann. Egal wo, egal wann.

Ich möchte heute über zwei Anfälle schreiben, die mir besonders im Kopf geblieben sind, weil sie zeigen, wie unberechenbar und gemein solche Attacken sein können. Zuerst sollte ich kurz erklären, wie sich meine Aura ankündigt – sie ist der Vorbote eines kommenden Anfalls.

Meist beginnt es mit Nacken- und Schulterschmerzen. Danach folgen Wortfindungsstörungen und Sprachprobleme, zum Beispiel Stottern. Ich werde unkonzentriert, nehme Sinneseindrücke intensiver wahr und reagiere empfindlicher auf Reize. Schwindel und Lähmungserscheinungen auf der betroffenen Seite sind ebenfalls typisch. Wenn der Schmerz schließlich im Kopf angekommen ist, äußert er sich pulsierend, stechend und hämmernd – begleitet von Übelkeit, Erbrechen sowie Apathie bis hin zur Bewusstlosigkeit. Ein Anfall kann bis zu 72 Stunden dauern.

Ich war 19 und hatte ein Date – mein erstes mit dem Herrn. Es war Hochsommer und ich war sehr nervös, denn ich hasse Dates. Als ich mich fertig machte, bemerkte ich bereits eine Aura, ignorierte sie aber komplett, weil meine Nervosität überwog. Ich fuhr mit dem Fahrrad los und spürte sogar Vorfreude.

Am Treffpunkt angekommen merkte ich, wie die Aura stärker wurde und sich der Schmerz langsam aufbaute. Wir gingen mit seinem Hund spazieren und setzten uns anschließend auf eine Bank. Ich versuchte, meine Wortfindungsstörungen und das Stottern in den Griff zu bekommen. Wir unterhielten uns eine Weile und machten uns dann auf den Weg zum Tierarzt. Dort hämmerten die Schmerzen bereits in meinem Kopf und die Übelkeit wurde immer stärker. Ich versuchte alles, um mich nicht zu übergeben – der Geruch dort war sehr intensiv.

Danach gingen wir zurück zu meinem Fahrrad. Ich bekam einen Kuss, bei dem ich allerdings mein Würgen unterdrücken musste. Es lag wirklich nicht an ihm – aber danach war klar, dass es kein Wiedersehen geben würde. Ich stieg auf mein Fahrrad und fuhr nach Hause. Ab da weiß ich nichts mehr. Ich habe bis heute einen Blackout. Ich fand mich später völlig erschöpft in meinem Bett wieder.

Ein weiterer einschneidender Anfall ereignete sich 2022. Nach der Arbeit an einem Freitag fuhr ich in ein etwa 25 Minuten entferntes Einkaufszentrum, um mir die Nägel machen zu lassen. Im Studio angekommen setzte plötzlich die Aura ein – wahrscheinlich ausgelöst durch die Dämpfe. Mir wurde schwindelig, ich bekam Lähmungserscheinungen und Sehstörungen.

Die Behandlung war jedoch schon im Gange, also unterdrückte ich erneut die Aura, die Schmerzen und die zunehmende Übelkeit. Nach einer Stunde verließ ich schwankend das Studio und ging zu meinem Auto. Dort überlegte ich fieberhaft, ob ich Triptane nehmen sollte oder nicht – denn danach wäre Autofahren keine Option mehr gewesen. Sollte ich das Auto stehen lassen? Meinen Freund anrufen?

Ich entschied mich trotzdem loszufahren, weil ich einfach nur nach Hause wollte. Es war fahrlässig.

Bis heute kann ich mich an diese Autofahrt nicht erinnern. Alles ist weg – bis auf flackernde Lichter der anderen Autos und meine Übelkeit. In meiner Wohnung angekommen muss ich es irgendwie geschafft haben, meinen Freund anzurufen. Er kam und fand mich bewusstlos und erbrechend auf dem Badezimmerboden.

Diese Anfälle habe ich vier- bis zehnmal im Monat – oft habe ich sie alleine durchlebt, ohne Hilfe.

Das, meine Damen und Herren, ist Migräne mit Aura.

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Feuer im Kopf