Rausch
Wenn Migräne eins bedeutet, dann „high sein“. Entweder durch die Aura oder durch die Medikamente.
Und nein – es ist nicht das angenehme High, sondern eher ein Bad Trip nach zu viel Zeug. Wenn mich meine Migräne eines gelehrt hat, dann, dass du das Versuchskaninchen der Pharmaindustrie bist – und dass es völlig normalisiert ist, von klein auf alles in sich hineinzustopfen, mit dem Versprechen, dass du nie wieder Schmerzen haben wirst. Ganz zu schweigen von all den anderen Therapien, die du machst, nur um überhaupt leben zu können.
Ich möchte hier keine Empfehlungen oder Rezepte anpreisen, sondern eher darüber schreiben, wie gnadenlos dieses System meinen Körper nutzt.
Angefangen habe ich als Kind mit Ibuprofen 200, wenn die Migräne kam. Mit der Zeit wurde das gesteigert: Paracetamol dazu, Ibuprofen bis 800. Eine Zeit lang nahm ich Novalgin-Tropfen, und mit 15 gab es das erste Triptan. Und die Dinger sind krass – vor allem die Nebenwirkungen.
Mit 16 war ich dann beim Neurologen, der mir fortan Sumatriptan verschrieb. Dazu muss man wissen: Es gibt sieben verschiedene Arten von Triptanen, und jede Migräne reagiert unterschiedlich darauf. Da muss irgendwie jeder allein durch.
Nach einem Neurologenwechsel bekam ich Betablocker verschrieben, die eigentlich für den Blutdruck gedacht sind. Allerdings bekam ich davon plötzlich blaue Flecken und sah teilweise aus, als wäre ich zusammengeschlagen worden. In Kombination mit der Coronaimpfung fand ich mich dann bewusstlos auf dem Badezimmerboden wieder – mit einem entstellten Gesicht. Danach war das Thema für mich erledigt.
Zu all den Medikamenten kamen Akupunktur, Yoga und Osteopathie. Nahrungsergänzungsmittel und allerlei Pflanzliches. Ich habe auch gekifft. Sex hatte ich auch. Nichts hat geholfen.
Ein weiterer Neurologenwechsel führte zu einer höheren Dosierung der Triptane und neuen Schmerzmitteln wie Paracetamol mit Koffein. Die machten mich abhängig. Danach ging es weiter mit anderen Triptanen, und am Ende landete ich bei Cortison.
Seit fast drei Jahren nehme ich nun die neue Aimovig-Spritze, die die Anfälle reduzieren soll. Eine Zeit lang hat sie geholfen – dann auch nicht mehr. Heute setze ich mir einmal im Monat, unter oscarreifem Drama, die Spritze selbst – natürlich in der höchsten Dosis – und nehme zusätzlich eine ordentliche Menge Sumatriptan sowie Schmerzmittel.
Was bleibt, ist ein nie endender Kater, der mich mittlerweile täglich in die Knie zwingt. Also stelle ich die Frage: Wer möchte tauschen?
Natürlich verdienen die Pharmaindustrie und sämtliche selbsternannten Gurus eine goldene Nase an mir. Mein Körper war schon voller Substanzen als der eines Möchtegern-Ravers, der mal ’ne halbe geschluckt hat.
Das ist Migräne.