Marathon

Ich bin sicherlich schon einen Halbmarathon gelaufen – allein durch meine Arztbesuche. Denn Migräne bedeutet auch, vielen sehr gebildeten Menschen ins Gesicht zu blicken und zur Geschichtenerzählerin zu werden.

Nur dass die Geschichte jedes Mal dieselbe ist – und viele Fragen offenbleiben. Vor allem die eine: Ob die Person vor mir im weißen Kittel ein weiteres soziales Experiment für meinen Lebenslauf ist?

Denn wenn ich eines erzählen kann, dann das: Ärzt*innen – und ja, ich gendere bewusst – erleben immer nur eine kurze Sequenz von mir und nehmen sich dann heraus, Sätze zu droppen wie:

„Haben Sie Stress?“
„Sind Sie sich sicher, dass Sie Migräne haben?“
„Wenn Sie schwanger sind, wird sich das ändern.“
„Bilden Sie sich Ihre Schmerzen vielleicht nur ein?“
„Vielleicht wäre ein Psychiater das Richtige?“
„Haben Sie auch wirklich alles schon probiert?“
„Magnesium und viel trinken – vielleicht hilft auch Meditation.“
„Ich kann leider nichts mehr für Sie tun.“

Ich denke, ich bin mit diesen Erfahrungen nicht allein. Und dennoch war ich diejenige, die frustriert aus Arztpraxen lief – mit irgendwelchen Rezepten oder Überweisungen, monatelangen Wartezeiten für Fachärzte und dem stetigen Gefühl, ein Problem zu sein.

Natürlich gibt es auch positive Erlebnisse. Ich habe endlich einen Neurologen, der mich versteht und wirklich sieht. Einen Schmerzarzt, der mir manche Sorgen abnimmt. Allerdings liegen beide Praxen rund 30 Kilometer von München entfernt.

Ich bin dort Dauergast. Jeder kann sich also ausrechnen, was ich an Sprit, Zeit und Energie verbrauche – und wie sehr ich aktuell auch meine Familie mit den Fahrten belaste, da ich solche Strecken selbst nicht fahren kann.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Ich sollte eigentlich nie aus München wegziehen, weil es schwierig wäre, noch einmal solche Ärzte zu finden. Dabei wurde mir sogar geraten, das Voralpenland zu verlassen, um meine Migräne zu lindern.

Auch das, meine liebe Leserschaft, ist Migräne.

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