Sensibilität
Wie im letzten Beitrag bereits erwähnt, schreibe ich heute über den Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Migräne. Ein Thema, das mich in den letzten Jahren immer mehr beschäftigt hat und das ich erst nach und nach wirklich verstehen konnte. Im Allgemeinen ist mittlerweile bekannt, dass Migräne mit oder ohne Aura bei neurodivergenten Nervensystemen häufiger auftreten kann. Trotzdem fühlt sich dieses Zusammenspiel oft noch schwer greifbar an – selbst für Menschen, die direkt davon betroffen sind.
2024 habe ich meine Hochsensibilität für mich anerkannt und dadurch auch verstanden, warum mein Körper auf gewisse Situationen so intensiv reagiert. Vor allem wurde mir bewusst, dass meine Migräne besonders bei Reizüberflutung auftreten kann. Trotzdem habe ich beides lange voneinander getrennt betrachtet. Ich sehe mich selbst als neurodivergent, meine Migräne jedoch als eigenständige Erkrankung. Denn häufig wird beides schnell in einen Topf geworfen, obwohl sich die Forschung bis heute nicht einig ist, ob Migräne und Hochsensibilität tatsächlich zusammengehören oder einfach nur oft gemeinsam auftreten.
Was ich allerdings mit Sicherheit sagen kann: Beides begleitet mich schon mein ganzes Leben. Meine Hochsensibilität war schon immer da und auch meine Migräne begleitet mich, solange ich denken kann. Und obwohl nicht jede Reizüberflutung automatisch einen Anfall auslöst, merke ich doch immer wieder, wie eng beides miteinander verbunden ist.
Besonders nach mehreren Tagen voller Eindrücke reagiert mein Körper oft mit Migräne. Gerade Städtetrips, volle Orte, aufregende Erlebnisse oder viele soziale Kontakte hintereinander können irgendwann zu viel werden. Während andere vielleicht einfach erschöpft sind, zieht mein Nervensystem irgendwann die Notbremse.
Auch Autofahren ist für mich ein gutes Beispiel dafür. Viele Menschen steigen ins Auto und fahren einfach los. Für mich bedeutet Autofahren jedoch permanente Konzentration: Geräusche, Verkehr, Licht, Wetter, Bewegungen – alles wird gleichzeitig wahrgenommen und verarbeitet. Je nach Wetterlage oder Tagesform kann genau das bereits ausreichen, um einen Anfall auszulösen.
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mein Nervensystem durch die jahrelange Migräne noch sensibler geworden ist. Viele Reize werden schneller als Gefahr eingeordnet. Schmerz hinterlässt Spuren. Das Gehirn lernt, aufmerksam zu sein, ständig vorbereitet zu sein. Und manchmal reicht dann schon ein kleiner Auslöser, damit der Körper Alarm schlägt.
Da ich mich aktuell in einem chronischen Zustand befinde, braucht es oft nicht mehr viel, um Migräne zu triggern. Genauso wenig bei meiner Hochsensibilität. Einkaufen ist gerade die Hölle: zu viele Menschen, zu viele Geräusche, zu viel Licht, zu viele Eindrücke auf einmal. Autofahren funktioniert oft nur noch in kurzen Abschnitten und an eine soziale Außenwelt mit viel Trubel ist kaum zu denken.
Es fühlt sich manchmal so an, als würde mein Nervensystem dauerhaft unter Strom stehen. Alles kann mich erschöpfen. Alles kann einen neuen Anfall auslösen. Und genau deshalb lerne ich aktuell, wie man ein Nervensystem überhaupt wieder beruhigt.
Ehrlich gesagt lerne ich gerade viele Dinge neu. Lange Auto zu fahren. Menschen zu begegnen. Essen zu gehen. Reize auszuhalten. Wieder Vertrauen in meinen Körper zu entwickeln. Und manchmal geht es dabei gar nicht um große Schritte, sondern einfach darum, einen Tag zu erleben, ohne komplett überfordert zu sein.
Was dabei bleibt, ist die Angst. Die Angst vor dem nächsten Anfall. Die Angst vor Kontrollverlust. Die Angst davor, dass der eigene Körper plötzlich wieder streikt.
Und genau um diese Angst geht es im nächsten Beitrag.