Wertlos
“Die Dinge haben nur den Wert, den man ihnen verleiht.” – Molière
Wenn ich eines in diesem Leben gelernt habe, dann, dass unser Leben von Werten bestimmt wird. Was hast du, was andere nicht haben? Was besitzt du, wer bist du, was bist du und vor allem: wie bist du? Das bestimmt deinen Wert. Und nach dem jeweiligen Wertesystem der Gesellschaft, in der wir aufwachsen, wird uns früh beigebracht, was es bedeutet, wertvoll zu sein oder eben nicht. Oder von Likes und Matches.
Rational betrachtet sind wir alle wertlos. Und zwar alle. Niemand ist etwas Besonderes. Dadurch sind wir schnell ersetzbar und austauschbar. In jeglichen Formen wird uns auch unsere Wertlosigkeit widergespiegelt. Gerade im beruflichen Kontext sind wir schneller ersetzt, als uns lieb ist. Wenn wir sterben – wer ist dann wirklich noch am Grab oder kümmert sich darum?
Der Wert eines Menschen wird durch die Liebe und Wertschätzung anderer bestimmt. Und doch hat der Mensch die Aufgabe im Leben, seinen Wert unabhängig von anderen zu erkennen.
Doch das ist leichter gesagt als getan. Und da sind die vielen Traumata, die uns ein Leben lang begleiten und uns sehr klar vor Augen geführt haben, wie wertvoll wir doch für manch einen waren – oder eben nicht.
In Japan gibt es eine Lebensphilosophie, die beschreibt, dass in jedem Gegenstand, egal wie klein oder banal er sein mag, ein Wert verborgen ist und dieser wertzuschätzen ist. Dabei werden Dankbarkeit und Bewusstsein geschult und verinnerlicht, sodass auch im Umgang mit Menschen Wertschätzung an erster Stelle steht. Durch den erkannten Wert wird aus allem etwas Besonderes gemacht und eine Leidenschaft eingebracht, die Menschen näher zusammenbringt. Das ganze Prinzip nennt sich Ikigai und Nagomi, was für Lebenssinn und Harmonie steht.
Nur durch diese Wertschätzung gelingt es den Menschen, in ihrem Leben Sinn und Harmonie zu finden.
Durch meine Traumata habe ich sehr lange – und auch jetzt noch – ein Problem damit, meinen eigenen Wert zu erkennen. Denn auch wenn ich mich mag und an sich eine tolle Person in mir sehe, spüre ich oft, dass dieser Wert nicht erkannt wird. Und ich denke, damit bin ich nicht allein.
Wir Menschen wollen gesehen werden und dazugehören. Wir wollen gebraucht und für unser Sein geschätzt werden. Doch durch die Schnelllebigkeit, die Digitalisierung und die Selbstverständlichkeit, die wir vor allem in der westlichen Welt erleben, geht die Wertschätzung verloren.
Sodass heute das Thema Selbstwert einen ganz anderen Stellenwert hat als vielleicht vor einigen hundert Jahren. Damals war klar, aus welcher Schicht und Hierarchie jemand stammte. Doch im Tal der unbegrenzten Möglichkeiten der heutigen Zeit finden wir immer weniger selbstsichere Menschen, die ihren Wert kennen und für ihn einstehen.
Und das macht mich oft fassungslos. Denn ehrlich gesagt: Jeder Mensch ist auf seine Art wertvoll. Jeder Gegenstand kann zu einem zufriedenen Leben beitragen und sollte nicht als selbstverständlich angesehen werden. Denn am Ende ist vielleicht der Stift in der Hand der Beginn einer Geschichte. Der Teller dein tägliches Brot. Die Pflanze dein stiller Zuhörer. Der Kaugummi dein Retter vor dem ersten Kuss.
Und der Mensch vor dir – dein Zeichen, dankbar zu sein.
Du entscheidest, wem und was du Wert verleihst. Aber denke daran: Je mehr Bewusstsein für dein Gegenüber, desto mehr Dankbarkeit und Freude wirst du spüren.