Angst
Wir alle kennen Angst. Und ich erlebe sie täglich.
Meine Angst nenne ich mittlerweile ganz liebevoll Mathilde, die sich von der Süßen zur verstörenden, fratzenartigen Puppe mit Knopfaugen und spitzen Zähnen entwickeln kann. Denn Mathilde ist seit letztem Jahr Dauergast – vor allem in Migränephasen oder in Situationen, die pure Trigger sein können. Dazu gehören Supermärkte, volle Restaurants, Menschenansammlungen und öffentliche Verkehrsmittel.
Also eigentlich überall dort, wo ich im Fall einer Migräneattacke hilflos ausgeliefert bin. Bei chronischen Erkrankungen ist das ein Teufelskreis, denn meine Angst triggert durch die ständige Anspannung ebenfalls die Migräne.
Denn Anspannung ist überall. Überall sind Reize, die sehr anstrengend für mein Sein sind. Es ist übrigens auch irgendwie normal, dass Schmerzpatient:innen Angststörungen entwickeln, da sich das Gehirn die negativ geprägten Erfahrungen mit Schmerz abspeichert.
Und es ist nun mal auch nicht schön, sich in der Öffentlichkeit aufgrund seiner Schmerzen zu übergeben, halb bewusstlos irgendwo zu liegen oder mit Aura durch die Gegend zu laufen.
In der Vergangenheit habe ich meine Angst oft verdrängt und bin trotzdem durchs Leben gerannt. Aber mein Unterbewusstsein hat meinem Gehirn trotzdem Lebensgefahr signalisiert. Sei es mit Migräne beim Autofahren, auf der Wiesn oder im vollen Restaurant – sie war immer da, die Mathilde.
Das heißt im Umkehrschluss auch, dass Migräne bedeutet, sich mit Angstbewältigung zu beschäftigen. Was Zeit und Kosten mit sich bringt und sich bei der aktuellen Lage der Psychotherapiesuche als sehr schwierig gestaltet.
Seit fast zehn Monaten bin ich aufgrund meiner Migräne arbeitsunfähig und als chronisch krank eingestuft – was dazu führt, dass sich noch weitere Ängste breitmachen: Existenz- und Zukunftsängste. Berta und Birte, wie ich sie nenne.
Beide gehen Hand in Hand. Ich lebe von Krankengeld. Was nicht schön ist. Dabei geht es gar nicht um die Summe, sondern um das Gefühl. Ich weiß aktuell nicht, wann ich wieder arbeiten kann – und vor allem wo.
Das bringt große Unsicherheit mit sich. Dann wären da noch die Fragen: Wie soll ich manche Rechnungen zahlen? Wie soll ich eine neue Wohnung finden? Nimmt mich überhaupt jemand, wenn ich krankgeschrieben bin? Neue Arbeitgeber finden Langzeiterkrankte schließlich auch nicht besonders attraktiv.
Und plötzlich setzt man sich mit Themen auseinander wie Erwerbsminderungsrente, Behindertenausweis und der großen Frage: Was kommt noch?
Und dann wären da noch die Ängste rund um die Zukunft. Werde ich meine Ziele erreichen? Werde ich Mama werden, ohne mich schlecht zu fühlen, wenn ich meine Krankheit weitervererbe? Werde ich einen Partner finden?
Werde ich je wieder ohne Migräne in ein Flugzeug steigen? Werde ich das Ende der Welt sehen?
Werde ich mich irgendwann wieder so richtig lebendig fühlen?
Schuld ist eine große Konsequenz, die ich trage. Und genau darum geht es beim nächsten Mal.