Schuld

Schuld. Gefühle.
Am Ende werden daraus Schuldgefühle. Und die habe ich, seit ich denken kann. Denn ich war schon immer anders als der Rest. Anders, weil ich sensibel bin. Anders, weil ich krank bin. Und das habe ich oft genug zu spüren bekommen.

Doch diese Schuldgefühle kommen vor allem von einer Sache: der Migräne. Denn ich bin hilflos in Momenten der Ohnmacht. In Momenten, in denen ich es gerade noch schaffe, jemanden anzurufen. Und dann kommt die Schuld.

Leider hat der liebe Gott bei mir „unabhängig“ und „Frau“ angekreuzt. Was in der heutigen Welt und im fortlaufenden Feminismus zwar gut ist, aber auch zu Hürden führen kann. Kurz gesagt: Es fällt mir schwer, um Hilfe zu bitten. Ich habe mein Leben lang alles allein und aus eigener Kraft geschafft.

Und die meisten Migräneanfälle habe ich ebenfalls allein durchgestanden. Ohne Hilfe. Ohne Menschen. Ganz allein.

Und trotzdem habe ich Schuldgefühle. Ich möchte keine Last sein. Ehrlich gesagt habe ich diese Schuldgefühle erst richtig entwickelt, als zum ersten Mal negativ auf eine Absage wegen meiner Migräne reagiert wurde. Ab da sagte ich nicht mehr ab, sondern schluckte lieber Tabletten oder hielt die Schmerzen aus.

In meiner ersten Beziehung wurde meinem Ex-Partner erst wirklich klar, dass ich krank bin, als er mich halb bewusstlos im Bad fand. Davor – und selbst danach – bekam ich oft zu hören, ich solle mich nicht so anstellen.

Ich wollte nicht, dass er geht. Also hielt ich durch. Und wenn ich aufgrund meiner damals noch unerkannten Hochsensibilität und der Migräne doch nicht mitkommen konnte, fühlte ich mich schuldig.

Seit ich arbeitsunfähig bin, sind diese Schuldgefühle so groß geworden, dass ich eine Depression entwickelt habe. Denn ich bin auf Hilfe angewiesen. Ich kann keine langen Strecken Auto fahren, deshalb fährt meine Mama mich zu meinen Ärzten. Teilweise konnte ich nicht einmal allein zu Hause sein, weil ich bewusstlos oder apathisch war.

Ich musste im letzten Jahr zwei Urlaube kurz vor dem Abflug absagen. Und bis heute fühle ich mich schuldig, weil mir einer der wichtigsten Momente genommen wurde.

Meine Beziehung scheiterte daran, dass ich nicht mehr in die Stadt meines Ex-Partners pendeln konnte. Am Ende wurde ich verlassen, weil es ihm zu viel wurde.

Ich bin die Last. Einfach, weil ich krank bin. Ich bin nicht gesund. Ich kann nicht spontan alles mitmachen. Urlaube und Reisen sind mit mir nur anders möglich. Und manchmal denke ich: Kein Mensch möchte einen kranken Menschen daten.

Ich bin arbeitsunfähig und fühle mich wie eine Last für das System, weil ich in meinem Alter Krankengeld beziehe. Vor der chronischen Migräne hatte ich eine Stelle als Gruppenleitung. Und ich habe versagt. Ich habe enttäuscht.

Ich fühle mich schuldig. Schuldig, weil ich krank bin. Weil ich teure Medikamente brauche, in Kliniken behandelt werde – und trotzdem fühle ich mich schuldig.

Meiner Familie gegenüber. Meinen Freunden gegenüber. Der Gesellschaft gegenüber.

Und genau diese Schuld brachte die Depression. Darum geht es im nächsten Beitrag.

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