Ausgeschlossen

Und während andere ihr Leben leben, sitze ich nur daneben. Machtlos und der Nicht-Dazugehörigkeit bekannt, wurde meine Seele ins Außen verbannt.
– Lena

Seit meiner frühen Kindheit kenne ich Ablehnung, und sie ist wohl die tiefste und schmerzhafteste Wunde, die meine Seele einnimmt. Ich denke, jeder Mensch hat Ablehnung in irgendeiner Form schon einmal erlebt – sei es bei Bewerbungen, Anträgen, in Freundschaften, beim Dating oder durch das Ende romantischer Beziehungen. Und vor allem bei sich selbst.

Ablehnung ist ein Teil des Lebens – bis zu einem gewissen Grad. Bereits im Kindergarten wurde ich ausgeschlossen und abgelehnt, weil ich anders war. Anders, weil ich mal lauter lachte oder schon kritische Fragen stellte.

Ein sehr prägendes Ereignis war, als ich in der Mittagsruhe ganz dringend auf die Toilette musste und nicht durfte, da die Toilettenspülungen zu laut waren. Durch mein Drängen und meine Not durfte ich schließlich gehen und musste zur Bestrafung neben der Leitung der Kitagruppe außerhalb des Schlafsaals liegen. Mir wurde klargemacht, dass ich kein Teil der heutigen Mittagsruhe mehr bin.

Genauso verhielt es sich im Gruppenkontext. Während andere immer ihre Freunde hatten, saß ich oft alleine da oder wurde ausgeschlossen. In der Vorschule waren wir eine Gruppe von Kindern, die „Die wilden Kerle“ nachspielten. Während das schöne Mädchen den Charakter der Vanessa übernahm, wurde ich zum Feind ernannt und musste alleine auf dem Klettergerüst spielen, während die anderen  zusammen in ihrer „Waldhütte“ waren.

In der Grundschule begann das Mobbing. Dort wurde ich systematisch jeden Tag auf mein Sein reduziert – sei es meine Kurzhaarfrisur oder meine neutralen Kleidungsstücke, die nicht typisch „Mädchen“ waren. Sie fanden immer etwas. Und so verbrachte ich fast täglich meine Pausen alleine. Manchmal, wenn ich einen Nutzen hatte, wurde ich eingeschlossen und integriert, doch sobald dieser verschwand, war ich wieder allein.

Das Ganze ging so weit, dass ich eines Tages an einen Baum gefesselt, ausgelacht, geschlagen, beleidigt und bespuckt wurde. Ich war in einer machtlosen Position und hatte keine Chance, mich wirklich zu wehren. Jede kleine Hoffnung auf echte Beziehungen wurde mir genommen, obwohl ich nichts mehr wollte, als dazuzugehören.

Einmal wurde mir etwas zugeschrieben, was ich angeblich getan haben sollte – was jedoch nicht stimmte. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wovon die Kinder sprachen, da ich mit diesem Thema aufgrund meines Alters noch nicht in Berührung gekommen war. Zwei Klassenkameraden unterstellten mir, ich hätte den Hitlergruß gemacht, obwohl ich mit meinen neun Jahren nicht einmal wusste, wer Hitler war und wofür er stand. In der Pause wurde ich dermaßen misshandelt, dass alle Jungen aus drei Klassen auf mich einstürmten und mich zur Entschuldigung zwangen. Die Lehrkraft kam mir weder zur Hilfe noch klärte sie die Situation, sodass sich so etwas nicht wiederholen konnte. Einen Tag später wurde durch meine Eltern die Schulleitung eingeschaltet, doch das Einzige, was kam, war die Behauptung, ich würde zu Hause nicht die Wahrheit erzählen – die Situation sei bereits geklärt. Somit wurde ich erneut alleine gelassen. Und seitdem ausgeschlossen von der gesamten Schule.

Leider war mir in all den Jahren nicht klar, dass ich tatsächlich anders war. Ich bin neurodivergent. Ich sprach vieles aus, was andere noch gar nicht denken konnten – also wurde ich zum „komischen Kauz“.

In der Pubertät war ich zwar langsam integriert, interessierte mich jedoch nicht wirklich für die Themen meiner gleichaltrigen Freunde. Jungs, sexuelle Erfahrungen oder das Konsumieren verschiedener Drogen waren für mich nicht nachvollziehbar. Doch um endlich nicht mehr ausgeschlossen zu werden, machte ich mit. Und bereute es immer wieder, da es sich falsch anfühlte.

So ging das jahrelang, bis ich mich von allem abkapselte und immer mehr zur Einzelgängerin wurde. Ich fühlte mich falsch auf dieser Welt, denn ich bekam immer wieder deutlich zu spüren, dass ich anders war.

Während andere in meinem Alter feiern gingen, erste Beziehungen hatten oder einfach ein Teil der Gesellschaft waren, war ich die meiste Zeit allein in meinem Zimmer und malte mir aus, wie es anders sein könnte.

Mit den Jahren, dem Erwachsenwerden, dem Arbeiten und dem wachsenden Bewusstsein wurde ich stärker und fing an, mich für all das, was ich bin, zu lieben. Doch das Vertrauen in echte Beziehungen war erloschen. Ich stellte fest, dass ich von klein auf keine Maske trug, sondern echt war. Und vielleicht war genau das der „Fehler“. Denn für Menschen, die sich ihres eigenen Wertes nicht bewusst sind, sind echte Menschen oft ein Trigger.

So erlebte ich, wie viele Beziehungen – vor allem Freundschaften – zerbrachen, und ich am Ende am Rand stand und zuschauen konnte, wie andere ein ereignisreiches Leben führten, während ich einsam danebenstand.

Von Liebesbeziehungen ganz zu schweigen. Durch meine Neurodivergenz habe ich einen anderen Zugang zu Gefühlen, daher fällt es mir schwer, oberflächliche Beziehungen zu führen. Ich brauche Tiefe und Ehrlichkeit. Doch wie bereits in vielen Beiträgen beschrieben, sind das in unserer Welt seltene Begriffe. Es gibt sie – aber sie sind selten. Und auch in Liebesbeziehungen musste ich erfahren, was es bedeutet, abgelehnt zu werden.

Und durch all diese Erfahrungen, durch all den Schmerz und durch das Beobachten der gesellschaftlichen Entwicklung entstehen in mir große Bedenken, dass Menschen wie ich akzeptieren müssen, dass Einsamkeit ihr treuester Begleiter bleibt. Und jede Ablehnung ob bewusst oder nicht, macht am Ende einen weiteren Stich.

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