Das Aliensyndrom

„Du passt nicht ins System.“

Passe ich wirklich nicht ins System – oder hat unser System ein Problem damit, sich an Menschen wie mich anzupassen?

Der Begriff neurodivergent ist inzwischen überall präsent: auf Social Media, in jeder Buchhandlung, in Podcasts und bei Influencern. Plötzlich scheint jeder Prominente neurodivergent zu sein und endlich seine Erklärung gefunden zu haben.

Und ehrlich gesagt- Es ist gut. Sehr gut sogar, dass immer mehr Menschen offen über AD(H)S sprechen, sich für Toleranz und Aufklärung einsetzen und anderen Mut machen.
Doch gleichzeitig wird es immer schwieriger herauszufiltern, wer wirklich für Aufklärung kämpft – und wer mit seiner Diagnose einfach nur Profit macht. Denn das System ist alles andere als für neurodivergente Nervensysteme geschaffen, und echte Stimmen gehen in der Masse manchmal unter.

Ich selbst bin hochsensibel. Das schlummerte mein Leben lang in mir. Es gab mehr als genug Anzeichen, und meiner Meinung nach braucht es dafür keine Diagnose – denn es gibt deutliche Unterschiede zwischen sensibel, hochsensibel und einfach nur überreizt. Hochsensibilität hat klare Merkmale, wenn man sie kennt.

Natürlich gibt es unterschiedliche Ausprägungen, und das Zusammenspiel von weiteren Charakterzügen, Biografie und Sozialisierung spielt eine große Rolle. Ich kann nur aus meiner Perspektive schreiben. Ich habe eine durchwachsene Vergangenheit mit Traumata, ich habe in meiner Familie nie gelernt, meine Gefühle zu benennen, sondern erst in der Therapie. Und ich bin zusätzlich zu meiner Hochsensibilität auch noch extrovertiert. Das bedeutet, dass ich einerseits das Leben im Außen liebe – und andererseits sehr schnell überreizt bin, was ständige Selbstreflexion erfordert.

Was sich durch mein ganzes Leben gezogen hat, ist, dass viele Merkmale der Hochsensibilität sichtbar waren und ich mich dadurch oft „anders“ fühlte. Nicht passend. Nicht systemkonform.

Denn eines sind wir Neurodivergenten. Wir sind Menschen, die das System weiterbringen. Menschen, die Dinge wahrnehmen, die andere übersehen. Und nein – das macht uns nicht zu Superhelden. Es macht uns zu einem schon immer existierenden Teil der Menschheit.

Doch das System ist auf uns nicht vorbereitet. Wir sind eine kleinere Gruppe, und obwohl immer mehr Menschen Diagnosen wie AD(H)S, Autismus oder Hochsensibilität erhalten, habe ich das Gefühl, dass vieles inzwischen einfach in einen einzigen Topf geworfen wird.

Die Sensibilität der Menschen nimmt zu – aber auch, weil die Reize immer mehr werden. Städte werden voller, Verkehr anstrengender, Alltagssorgen größer. Politische Entwicklungen und das Weltgeschehen belasten zunehmend. Kein Wunder, dass viele Menschen überfordert sind.

Doch das bedeutet nicht, dass plötzlich alle hochsensibel oder neurodivergent sind. Ich wage sogar zu sagen, dass viele Kinder, die als autistisch oder AD(H)S-verdächtig eingestuft werden, es manchmal gar nicht sind. Denn die Biografie macht einen gewaltigen Unterschied.

Erziehung kann bestimmte Charakterzüge fördern: Anpassung, Maskieren, ständige Kontrolle. Zu viel Bildschirmzeit kann die natürliche Energie eines Kindes unterdrücken – die sich irgendwann explosionsartig entlädt. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass nicht alle neurodivergent sind, sondern einfach überfordert von einer Welt, die immer schneller, lauter und bedrohlicher wird.

Denn wer wirklich neurodivergent ist, spürt das. Wer dieses Spiel schon einmal durchgespielt hat, weiß es.
Und wer sich selbst gut genug kennt, trägt die Antwort schon lange in sich.

Auch ich habe sie lange in mir getragen – aber aus Angst nie ausgesprochen. Denn es ist ein System, das viele Fragen aufwirft.

Zurück
Zurück

Systemfehler

Weiter
Weiter

Niemand