Systemfehler

„Ich bin ein Problem für das System.“

Das habe ich erst kürzlich wieder erfahren müssen, als ich beim Arzt saß und mir klar wurde, dass Hochsensibilität immer noch nicht als eigenes Merkmal gesehen wird. Stattdessen wird sie in den Topf von AD(H)S oder dem Autismus-Spektrum geworfen. Die Aussage „Whatever you name it“ gibt einem zu verstehen: Du bist anders – und du musst damit klarkommen.
Aber was ist, wenn nicht ich mit meiner „Sonderheit“ klarkommen muss, sondern die Gesellschaft? Denn von Beginn an gibt es neurodivergente Nervensysteme. Wieso kann sich nicht unser System einmal an die Neurodivergenz anpassen – und nicht wir an das Neurotypische?

Wir müssen hier etwas sehr klarstellen: Was bereits bei Sexualitäten passiert ist, passiert auch bei der Neurodivergenz. Menschen, die nicht ins Leitbild der Gesellschaft passen, wird eingetrichtert, dass sie nicht reinpassen. Bei Sexualitäten haben wir es durch Provokation, Beharrlichkeit und einen langen Kampf geschafft, die Gesellschaft zu öffnen. Doch dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Es gibt immer noch viele Menschen, die meinen, Sexualität bestehe ausschließlich aus Adam und Eva – obwohl längst klar ist, sogar in der Tierwelt, dass es vielfältige Formen von Sexualität und Intimität gibt, die nicht ständig hinterfragt werden müssen.

Nun zurück zur Neurodivergenz vs. dem Rest der Welt.

Neurodivergenz ist keine Störung. Sie wird erst zur Störung gemacht. Diese neurobiologischen Varianten gibt es, seit es Menschen gibt.
Doch das bedeutet nicht, dass diese Menschen Aliens sind oder in eine Kiste der „Andersartigkeit“ gesteckt werden müssen. Vielmehr ist es das System und die fehlende Akzeptanz, die diese Menschen brechen. Und durch diesen Bruch gehen so unglaublich viele von ihnen zugrunde.

Mir wird immer wieder der Impuls – nein, eigentlich die Aufforderung – mitgegeben, ich solle mir bitte einen Therapieplatz suchen, um mit der Hochsensibilität besser klarzukommen. Aber ganz ehrlich: Denkt ihr, ich bräuchte mit meiner Reflexionsgabe einen Therapeuten, um mich zu verstehen?
Ja, er hilft mir, die Traumata zu verarbeiten, die mir die Ablehnung der Gesellschaft eingebracht hat. Aber nicht, um meine Persönlichkeit zu erklären. Ich bin der Meinung, dass neurodivergente Menschen sich selbst am besten verstehen und daher auch am besten wissen, was sie brauchen. Autist*innen sprechen es oft direkt aus und stoßen damit auf Verwirrung – weil sie einfordern, was sie wollen oder eben nicht wollen. Doch genau das ist der gesunde Weg.

Neurodivergente Menschen sind unsere Visionäre, Hyperfokus-Denker, Mustererkenner, intuitive Warner, Tief-Fühlenden und Wahrheitsmenschen.
Albert Einstein, Sheldon Cooper, Isaac Newton, Frida Kahlo, Van Gogh, Greta Thunberg, Amadeus Mozart, Andy Warhol, Elon Musk, Bill Gates, Emma Watson, Prinz Harry, Emily Dickinson, Franz Kafka.

All diese Persönlichkeiten waren oder sind neurodivergent – und was wurde aus ihnen gemacht? Genau: Spinner.
Denn es ist leichter auszuhalten, Menschen als „sonderbar“ abzutun, als zu akzeptieren, dass ihr Talent und ihre Leistung im Kern mit ihrer Neurodivergenz zusammenhängen. Und ihr Ehrgeiz entstand oft erst durch die Ablehnung des Systems. Das muss aufhören.

Viele werden durch ihre „Störung“ mit Medikamenten ruhiggestellt, anstatt dass man sich die Frage stellt:
Warum ist unsere Gesellschaft so unfähig, Vielfalt auszuhalten, wenn die Tierwelt dies längst kann?

Die Antwort lautet: emotionale Kälte, mangelnde Empathie, fehlende Rücksicht, strukturelle Gewalt, institutionelle Überforderung – und ein Menschenbild, das Abweichung als Feindbild sieht.

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