Schwarzes Schaf
Weihnachten das Fest der Liebe ist fast vorbei. Und was bleibt ist die Frustration der Menschen, die mal wieder zu spüren bekommen haben, dass sie die schwarzen Schafe der Familie sind. Nicht dem System und der Gesellschaft entsprechen, anders, besonders oder schwierig. Dabei sind sie die wahren Helden.
In vielen Gesprächen und aus meiner eigenen Biografie resultierend, fiel mir auf, dass neurodivergente Nervensysteme meist das sogenannte „schwarze Schaf“ der Familie sind. Denn sie haben den Durchblick. Sie sehen, was nicht gesehen werden will. Sie äußern ungefragt ihre Themen, die meist auf Verwirrung oder Gereiztheit treffen und zur Konsequenz Ablehnung führen.
Die schwarzen Schafe sind jedoch diejenigen, die die Familien offenbaren – in Form von Hinterfragung der eigenen Denkweise. Ehrlich gesagt: Wir neurodivergenten Menschen sind die wahren Führer dieser Welt. Und es mag vielleicht für den ein oder anderen überheblich und arrogant klingen, doch wenn genügend Selbstwert und Reflexion vorhanden sind, macht es Sinn.
Denn Autistinnen und Autisten haben oft die Gabe, ihre Grenzen sehr klar aufzuzeigen. Es wird jedoch als soziale Inkompetenz dargestellt, obwohl sie nur sehr direkt und ehrlich ihre Weltansicht teilen. Sie passen sich nicht an, sondern schaffen sich ihre Welt. Doch durch Familie wird das immer wieder gestört und als konfus betitelt, obwohl es genau richtig ist.
Hochbegabten wird Arroganz zugeordnet – aber nur, weil sie sich klar und deutlich sowie faktenbasiert mitteilen. Und es tut mir leid: Sie sind in ihren Interessengebieten nun mal ein „Besserwisser“, weil sie sich intensiv damit beschäftigen. Ob ungefragt oder nicht – wenn ihnen Raum gelassen und ihren Fachbereichen mit Offenheit begegnet würde, könnten viele Menschen davon lernen. Doch meist werden hochbegabte Menschen als nervig, arrogant und anstrengend dargestellt – wie in den Serien Young Sheldon oder The Good Doctor. Auch hier wieder: Wenn dein Selbstwert nicht stimmt, ist jeder ein Problem. Dabei ist es deine Aufgabe, daran zu arbeiten, Wissen nicht als Gefahr oder Abwertung deines Selbst zu sehen, sondern eher als Inspiration.
Hochsensible Menschen sind in Familienkonstrukten die unscheinbaren schwarzen Schafe. Denn ihre einzigartige Beobachtungsgabe, Empathie, ihr Sinn für Details sowie ihre ausgeprägte emotionale Intelligenz und dennoch vorhandene soziale Kompetenz machen es besonders tricky. Sie sind der emotionale Mülleimer. Sie werden missbraucht für die Probleme anderer. Alle laden ihre negative Energie bei ihnen ab. Das Wissen und das Durchschauen von Familienmustern bringen oft Konflikte mit sich. Denn hochsensible Menschen brechen daraus aus – in ihrem eigenen Prozess und nach ihrer eigenen Zeit, schmerzhaft und nicht leicht. Aber sobald die Zusammenhänge klar sind, beginnt ein Spießrutenlauf. Denn die beginnende Verwandlung, das plötzliche Aufweisen von Grenzen, das Ansprechen von Themen und die Verarbeitung können die Familie zur Weißglut bringen. Im Spirituellen sind sie die Lichtkinder, die Heilung in der Familie ermöglichen. Doch der Weg dahin ist lang.
Und durch das Sprengen all dieser Muster werden neurodivergente Menschen klein gehalten, nicht gesehen und mit Ablehnung bestraft.
Natürlich ist das nicht in jeder Familie der Fall – aber in vielen. Und je mehr ich mitbekomme, wie viele darunter leiden, desto klarer wird: Durch die fehlende Toleranz werden wir immer wieder in unserem Potenzial ausgebremst. Wissen ist keine Gefahr, Empathie kein Fußabtreter und Reflexion keine Macht.
Das Problem ist der fehlende Selbstwert und die Angst vor den eigenen Fehlern. Anstatt sich damit zu beschäftigen, was man an sich weiterentwickeln kann, wird eher bei anderen die Schuld, das Problem und der Grund für unmenschliches Verhalten gesucht.
Ja, auch neurodivergente Menschen sind nicht fehlerfrei. Manche brauchen Unterstützung, um andere Gebiete zu verstehen. Andere ihren Raum für Mitteilung. Und alle Menschen brauchen Liebe und Akzeptanz – denn beides ist der Schlüssel zu einem gesunden Selbstwert und einem friedvolleren Miteinander.