I pay to exist
Ich zahle, weil ich existiere. Weil ich eine Frau bin, weil ich chronisch krank bin und weil ich versagt habe.
Das wird mein vorerst letzter Beitrag auf meinem Blog. Was euphorisch und voller Freude begann, endet mit Ernüchterung und der Realität.
Seit meiner Trennung habe ich überlebt. Ich wollte um jeden Preis weitermachen und mich wieder ins Leben stürzen. All das machen, was ich in meiner Beziehung versäumt habe. Die Fehler, die ich begangen habe, wollte ich nicht noch einmal wiederholen, und ich wollte nur noch nach meinen Vorstellungen leben. Reisen, unabhängig sein und das Leben leben. Ich wollte mich beruflich weiterentwickeln und erfolgreich sein, nachdem meine Illusionen mit einem Satz zerstört wurden.
Eineinhalb Jahre später muss ich der Realität ins Auge schauen. Ich bin beruflich ein weiteres Mal gescheitert. Ich bin in meinem Leben noch nie so mit meiner Migräne konfrontiert worden, geschweige denn so krank gewesen. Ich habe meine Reisepläne nicht einmal ansatzweise umsetzen können. Und meine tolle Idee mit der Kunst war ein Reinfall, denn ich musste verstehen: Um Künstlerin zu sein, braucht es mehr als Farbe und Pinsel.
Mein zweiter Vortrag der VHS wurde nicht gebucht und meinen Blog lesen nur sehr wenige Leute. Was soll ich zum Abschluss des Jahres sagen?
Durch meine lange Erkrankung musste ich zwei Reiseziele absagen, habe nur Minus gemacht und werde nie ein Teil einer Erinnerung daran sein.
Freunde wurden weniger, und meine Idee, dass manche Beziehungen wieder werden, wurde mit der Einsicht gekrönt, dass dies nicht so ist.
Ich habe mich mit Social Media versucht und habe mich darin verloren. Dadurch wurde mir wieder klar, wie viel ich in diesem Jahr ein weiteres Mal versäumt habe – aufgrund meines Daseins.
Natürlich gab es auch einiges Positives, dennoch war dieses Jahr alles andere als leicht und zeigt die Nachwirkungen von 2024. Ich wollte gesehen werden von der Person, die mir mein Herz herausgerissen hat. Ich wollte beweisen, dass ich es wert bin, geliebt zu werden. Und ich wollte etwas erschaffen, um mich unabhängig und besonders zu machen.
Doch ich bin genauso in diesem patriarchalen System gefangen, in dem Frauen immer noch nicht den gleichen Wert wie Männer haben. Als chronisch kranke Person bin ich ein „Nichts“, denn ich habe keinen Nutzen in der Berufswelt. Ich fühle meinen Beruf nicht mehr und weiß nicht, wohin dieser Weg gehen soll – auch aufgrund meiner Krankheit. Die Ärzte nehmen einen nicht ernst, sehen die dazugehörigen Konsequenzen einer Krankheit nicht oder knallen einem Sachen vor den Kopf, die erst einmal zu verkraften sind. Mir wurde dieses Jahr gesagt, dass ich eventuell keine Kinder bekommen kann, dass meine Migräne unheilbar ist und ich wie ein Versuchskaninchen alles ausprobieren soll, was irgendwie hilft. Dazu gehören Antidepressiva, starke Schmerzmittel und hoch dosierte Medikamente, die abhängig machen.
Und von der Gesellschaft ganz zu schweigen, die einem die Krankheit nicht ansieht und darüber trotzdem urteilt. Die sich das Recht herausnimmt, mir zu sagen, wer ich sein soll. Genauso wie die Hochsensibilität, die Neurodivergenz. Auch das wird abgetan, nicht ernst genommen und als Spinnerei gesehen. Ich bin laut Arzt Autistin oder habe ADHS, soll einen Psychiater besuchen, und durch solch einen Besuch kann mir im beruflichen Kontext ein Strich durch die Rechnung gemacht werden.
Ich wollte kämpfen für eine tolerantere Welt, wollte zeigen, wie schön und wertvoll Neurodivergenz ist. Wollte chronisch kranken Menschen eine Stimme geben und wollte mich dabei wiederfinden.
Doch Ende 2025 bin ich verloren in Schmerzen und dem Wissen, dass die Existenz des Menschen ein einsames Leben ist, wenn wir versuchen, Strukturen und Muster zu brechen, anstatt – wie gewollt – die Maschinen zu sein, die funktionieren. Die stillschweigend das Patriarchat mitmachen, den Lebensweg anstreben, den jeder geht, und nichts hinterfragen. Kurz: Lebe in deiner Blase und blende alles Fragwürdige aus, sei ein Double des Anderen und bleibe schön in deiner Komfortzone.
Mein Fehler war, mich authentisch zu zeigen. Oder wie Franz Kafka schrieb:
„Ich schäme mich, als ich bemerkte, dass das Leben ein Maskenball ist und ich mit meinem wahren Gesicht teilgenommen habe.“