Niemand

„Niemand hat gefragt.“

Ich glaube, viele haben diese Aussage schon einmal gehört, wenn ungefragt Informationen aus einem heraussprudeln. Doch woher kommt dieses Mitteilungsbedürfnis?

Wieso sind wir Menschen so darauf gepolt, allen da draußen mitzuteilen, wie es uns geht, was uns beschäftigt – und mache ich nicht gerade dasselbe? Mich mitteilen.

Ja, wir Menschen sind soziale Wesen, und wir brauchen die Anerkennung von außen, um uns unserer Spezies zugehörig zu fühlen. Doch es gibt auch Menschen, die das nicht benötigen. Für sie ist es eher eine kleine Abwechslung, soziale Interaktionen zu führen. Am Ende sucht doch jeder Geborgenheit, Nähe und Zugehörigkeit.

Nein. Ich habe durch Beobachtungen und meine eigene Entwicklung verstanden, dass der Drang nach diesem Mitteilungsbedürfnis, wie wir es häufig erleben, aus einem Mangel heraus entsteht. Sei es aus der Kindheit, aus den sozialen Kontakten, die wir erfahren haben, oder seit den frühen 2000ern durch Social Media. Wir können unsere Meinungen frei heraus schreien, teilen und uns die erhoffte Reaktion zurückholen. Denn wir haben gelernt, dass wir gehört werden wollen – um jeden Preis. Und durch den zunehmenden Druck sind wir darauf gepolt, alles dafür zu geben, etwas Besonderes zu sein. Die Person zu sein, die das Rad ganz neu erfindet.

Doch so leid es mir tut: Wir sind nicht besonders. Keine Menschenseele ist besonderer als eine andere. Kein Kind der Welt wird als etwas Besonderes geboren. Es sind die Entscheidungen, die wir treffen, die dafür sorgen, dass wir bestimmte Richtungen einschlagen und im Idealfall etwas für die Gesellschaft voranbringen. Doch selbst die besonderen Menschen unserer Zeit – Feministinnen, Gerechtigkeitskämpfer oder weise Männer aus dem Morgenland – gab es schon in großer Zahl davor, und es wird sie auch danach geben. Nur sorgt die Informationsweitergabe durch das Internet dafür, dass das Angebot scheinbar besonderer Menschen viel breiter erscheint. Denn es gibt viele mitteilungsbedürftige Menschen, die wir heute gerne Influencerinnen nennen. Und von denen gibt es sehr viele – und sie werden immer mehr. Manche setzen sich für das eine ein, andere für das andere, und dann gibt es jene, die nichts bewirken und trotzdem wirken. Es gibt mittlerweile Unmengen an Künstlerinnen, Autor*innen und noch mehr vermeintlich besonderen Menschen. Die Liste wäre lang. Was früher als Seltenheit galt, ist heute nichts Besonderes mehr, denn die Masse ist riesig. Doch so bitter es klingt: Ohne Social Media würden wir gar nicht verstehen, dass es diese Menschen auch früher gab – nur gab es keine Plattform, die diese Masse sichtbar gemacht hat.

Und wie spanne ich den Bogen zurück zum Anfang?

Nun, wenn wir jeden Tag damit konfrontiert werden, dass wir in dieser Welt nichts Außergewöhnliches sind und es alles schon gibt, dann stellt sich mir die Frage: Was bin ich dann?

Ich sehe das Leben als nichts anderes als ein Überleben mit kreativen Lösungen. Ein Leben, in dem man seine Aufgabe findet. Ein Leben, das uns lehren soll, dass es nicht darum geht, etwas Besonderes zu sein und um jeden Preis Anerkennung zu bekommen, sondern vielmehr darum, still zu akzeptieren, dass jedes Leben individuell ist – und dass wir am Ende niemand sind und doch ganz viel.

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