Spirale
Uns allen sind schon Spiralen begegnet. Als Kinder am Strand, im Museum, in historischen Gebäuden, in Parkanlagen, in Märchen. Sie finden sich überall – diese Linien, die sich um ihre Achse fort- oder wegbewegen. Ein bisschen wie eine Schnecke, manche wie eine Rutsche mit einer dünnen Schnur.
Doch die Spiralen, um die es heute geht, finden sich nicht an all diesen Orten, sondern in unserem Kopf –
genauer gesagt in unserem Gehirn, in dem die Nervenstränge unsere Gedanken zur Wahrnehmung machen und am Ende für einen positiven oder negativen Ausgang verantwortlich sind.
Ich glaube, jeder von uns hatte schon einmal einen Gedanken, der sich immer weiterentwickelt und zu einem Chaos im Kopf geführt hat. Meist aus Angst, Sorgen oder Zweifeln geprägt – oft in Phasen, in denen viel los ist und das Leben unmöglich erscheint.
Auch ich habe solche Gedankenspiralen. Und sie sind wenig motivierend, eher deprimierend und meistens ein Resultat von Überforderung.
Gerade als hochsensible Person mit einem ständig überstimulierten Nervensystem passiert es häufig, dass ich mich in Gedanken verliere und am Ende erschöpft mit Migräne im Bett liege, weil alles zu schnell abwärts ging.
Doch es gibt Hoffnung – und alles ist eine Frage der Perspektive. So sehr wir auch lieber abwärts gehen, weil aufwärts ja anstrengender ist, können wir lernen, unsere Gedanken zu klären.
Ich bin kein Profi und weit entfernt von einem super entspannten, völlig im Vertrauen lebenden Dasein, aber ich befinde mich auf dem Weg dorthin. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass meine Migräne auch aus diesen Spiralen entsteht – und aus dem Festhalten am Angepasstsein.
Denn genau da liegt der Punkt: Wir Menschen leben in Anpassung und nach den Vorstellungen der Gesellschaft – je nach Koordinaten völlig unterschiedlich. Doch wir alle wollen dazugehören und den Normen gerecht werden. Egal, ob jemand intro- oder extrovertiert ist – am Ende wollen wir zurückblicken und sehen, dass wir alles richtig gemacht haben.
Spoiler: So einfach ist das nicht. Wäre da nicht das eigene Denken, das uns unsere Wahrnehmung schenkt. Und diese Wahrnehmung sieht bei jedem anders aus. Daher haben wir alle einen unterschiedlichen Blick auf die Welt, eigene Vorstellungen und ein individuelles Leben.
Doch wie soll das funktionieren – die eigenen Vorstellungen und die der Gesellschaft unter einen Hut zu bringen?
Genau da kommen die Zweifel, der innere Kritiker, der aus der Beurteilung anderer Menschen entstanden ist. Wenn es ihn nicht gäbe, würden wir alle viel authentischer unseren eigenen Weg gehen.
Und nein, es ist völlig okay, auch den gesellschaftlichen Vorstellungen etwas abzugewinnen – damit meine ich zum Beispiel einen klassischen Karriereweg, die Ehe, Familiengründung und vieles mehr. Du darfst in der Einfachheit des Lebens deinen Frieden finden.
Ich stelle nur fest, dass gerade in der westlichen Welt viele Menschen durch die unzähligen Möglichkeiten den Überblick verlieren. Und wenn sie ausbrechen, werden sie unsicher. Denn was denken die anderen von mir, wenn ich einfach mal zu mir stehe, zu meinen Ideen und eigenen Vorstellungen – und unsicher handle?
Denn wir sind auf Sicherheit getrimmt. Permanent. Immer und überall. Wir suchen sie bei unseren Eltern, in Bezugspersonen, im Job und in Partnerschaften.
Aber es gibt keine absolute Sicherheit. Es wird sie auch nie geben. Das Leben besteht aus Risiko – aus bewussten Entscheidungen für den eigenen, authentischen Weg. Es ist die größte Aufgabe im Leben, sich seine eigene Sicherheit zu schaffen: durch ein reguliertes Nervensystem, das nicht aus Angst handelt, sondern aus Vertrauen.
Und ja, andere Menschen können deinen Weg begleiten, dich unterstützen und ermutigen. Du bist nie ganz allein. Nur deine Gedanken sind es – und es ist deine Aufgabe, abzuwägen, welches Gewicht du ihnen gibst.
Es ist schwer, aber nicht unmöglich. Und mit den richtigen Werkzeugen, die längst in dir sind, findest du deinen Aufstieg.
Telefonseelsorge: 0800/1110111, 0800/1110222, 116123