Verlust

Ich wurde letztens gefragt, ob ich denn schon an dem Punkt im Leben bin, an dem ich gerne wäre.

Ich musste nur schmunzeln und sagte schlicht: „Nö.“

Denn wer an chronischer Migräne leidet, dem wird etwas genommen, das niemand zurückgeben kann: Lebenszeit.

Während andere ihr Leben leben, arbeiten, reisen, Festivals besuchen, Häuser kaufen, Familien gründen und all das scheinbar selbstverständlich gesund erleben, bin ich oft einfach nur damit beschäftigt zu überleben. Jeder Schritt muss bedacht werden. Jede Entscheidung wird daran gemessen, ob sie vielleicht den nächsten Anfall auslösen könnte.

Doch noch schwerer wiegt die verlorene Zeit selbst.
Zeit, die sinnvoll hätte genutzt werden können.
Zeit, die einfach verschwindet.

Jeder Migräneanfall bedeutet Stunden oder Tage voller Schmerzen, statt die Sonne zu genießen. Statt mit Freunden zu lachen. Statt Erinnerungen zu sammeln. Statt Pläne wahr werden zu lassen.

Die Realität ist dann kein Leben, sondern ein abgedunkeltes Zimmer, geschlossene Augen und ein Eimer neben dem Bett.

Und diese Krankheit nimmt nicht nur Momente. Sie nimmt auch Menschen. Denn nicht jeder versteht Migräne. Nicht jeder kann mit spontanen Absagen umgehen. Nicht jeder besitzt die Geduld, Flexibilität oder Empathie, dauerhaft Rücksicht zu nehmen. Und irgendwann merkt man:
Freundschaften verändern sich. Beziehungen zerbrechen. Manche beginnen erst gar nicht.

Ein Mann sagte einmal zu mir: „Klingt echt anstrengend mit dir.“

Und das Verrückte daran? Ich habe meine Traumata aufgearbeitet. Ich reflektiere mich. Ich bemühe mich, niemanden mit toxischem Verhalten zu belasten. Ich würde sogar sagen, ich bin ein ziemlich cooler Mensch.

Ich bin nur krank. Und genau das scheint oft schon zu viel zu sein. Am meisten schmerzt mich jedoch die Tatsache, dass meine letzte Beziehung an meiner chronischen Migräne zerbrochen ist. Und bevor jetzt jemand sagt „Dann war er wohl nicht der Richtige.“

Fakt ist:

Wenn ich nicht krank wäre, müssten andere weniger Rücksicht nehmen. Nicht in diesem Ausmaß.
Vielleicht wäre ich längst an all den Orten gewesen, die ich sehen wollte.
Vielleicht wäre ich schon Mutter.
Vielleicht hätte ich mich längst selbstständig gemacht.

Aber mit chronischer Migräne wird selbst Zukunft plötzlich kompliziert. Private Krankenversicherungen winken ab.
Berufsunfähigkeitsversicherungen ebenso. Pläne fühlen sich nicht mehr leicht an, sondern riskant.

Was bleibt, ist Verlust.

Der Verlust von Träumen.
Der Verlust von geliebten Menschen.
Der Verlust von Möglichkeiten.
Und manchmal auch der Verlust eines Teils von sich selbst.

Doch genau dieser Verlust führt zu etwas noch Größerem.

Mehr dazu nächstes Mal.

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Dunkelheit